Freie Scholle 2

 

Freie Scholle

Die im Jahre 1895 am Tegeler Fließ gegründete Baugenossenschaft „Freie Scholle“ zu Berlin eG ist eine der ältesten und traditionsreichsten Wohnungsbaugenossenschaften in Berlin.

In Eigenarbeit bauten die Genossen in der heutigen Egidystraße Zweifamilienhäuser, von denen heute noch große Teile vorhanden sind. 1920 erweiterte der Architekt Bruno Taut die Siedlung unter anderem um den Schollenhof (ehemals: Lilienthalhof). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die im Krieg in der Egidystraße zerstörten Häuser durch Mehrfamilienhäuser im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus ersetzt. Zudem errichtete die Genossenschaft ab den 1960er Jahren weitere Siedlungen in Lübars, Alt-Wittenau und Waidmannslust. Große Teile der ursprünglichen Siedlung Freie Scholle stehen als Gebäudeensemble seit 1988 unter Denkmalschutz.

Berühmtestes Gründungsmitglied war Gustav Lilienthal. Berühmt wurden er und sein Bruder Otto vor allem durch ihre Leidenschaft für das Fliegen, die bereits im frühen Jugendalter begann. Zur Förderung einer Ausbildung voneinander getrennt studierte Otto Mechanik und Maschinenbau und Gustav wurde Architekt.

Inspiriert von seinen Auslandsaufenthalten unterhielt Gustav, gemeinsam mit seiner Schwester Marie bis 1880 eine Handwerksschule für Mädchen und Frauen. In dieser Zeit entstand die Idee eines neuartigen Baukastens, der die Kinder zur Nachahmung der Architekturbauweise entsprechend ihrer Umwelt anleiten sollte. Gustav und Otto entwarfen einen Steinbaukasten aus rund 80 Elementen, hatten jedoch keine glückliche Hand bei der Vermarktung. Sie verkauften das Rezept mit allen Rechten an den Rudolstädter Fabrikanten Friedrich Adolf Richter. Richter ließ sich die Erfindung der Lilienthals 1880 patentieren und brachte den Steinbaukasten nun als Patent-Baukasten auf den Markt. Die Erfolgsstory des Anker Steinbaukastens brachte Richter Millionen ein.

1891 lernten die Lilienthals erstmals Moritz von Egidy (1847 –1898) kennen. Der ehemalige sächsische Kavallerieoffizier beeindruckte die Brüder mit seinen Ansichten zur Kirche, zur religiösen Erneuerung, zur Frauenbewegung, zum Genossenschaftswesen, zur Bodenbesitzreform und zu sozialen Fragen. Mit der Beteiligung an der Freiland-Bewegung war es Gustavs Bestreben eine bezahlbare solide Bauweise für Eigenheime zu entwickeln. Seite Ursprungsidee des Steinbaukastens wurde jetzt im Maßstab 1:1 umgesetzt.

Ein eigenes Heim auf eigener Scholle und dies nicht nur für besser begüterte Bürger, sondern für den einfachen Arbeiter. Dies war das Ziel, welches Gustav seit den ersten Erfahrungen mit der Kolonie Eden verfolgte. Im August 1895 war es dann endlich so weit. Die „Baugenossenschaft „Freie

Scholle“ zu Berlin“ wurde unter tatkräftiger Mithilfe von Gustav gegründet. Er wurde auch der erste Vorsitzende der Genossenschaft.

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten erwarb man im März 1898 eine Fläche in Waidmannslust. Von den in Tegel und Waidmannslust ansässigen Bürgern wurden die Genossen nicht gerade wohlwollend aufgenommen. Durch die Etablierung einer Sozialisten- und Arbeitersiedlung wurde ein Absinken der Bodenpreise befürchtet. Die Lage des Grundstücks war gut. Man hatte kiefernreichen märkischen Sandboden, Wasser war im Fließ vorhanden, so dass nach Gustavs Methode mit der Produktion der Bauelemente vor Ort begonnen werden konnte. Im September 1899 fand die Grundsteinlegung für die ersten beiden Doppelhäuser statt, welche im Juni 1900 feierlich eingeweiht wurden. Von denen von Gustav Lilienthal bis Anfang 1903 entworfenen Häuser stehen noch sieben  (Egidystraße 22, 34/40 und 46/48).

Durch alle Epochen hat sich der Zusammenhang von gemeinschaftsbildender Bau- und Wohnform mit einem regen Siedlungsleben fortgesetzt. Die Genossenschaft hat derzeit über 5.000 Mitglieder und verwaltet zurzeit rund 1.500 Wohnungen in Reinickendorf.